Das Vergnügen der Götter

Vor einigen Tagen gaben meine Freundin und ich ein Interview über unsere polyamore Beziehung. Der Zeitungsartikel konnte aus Platzgründen letztlich nur einen Teil der Aspekte beleuchten, die im Interview zur Sprache kamen – das uns nicht nur Spaß gemacht hat, sondern auch dazu brachte, grundsätzliche Vorstellungen und Werte erneut zu reflektieren.

Polyamory _ Kleine Zeitung _ 11 Mai 2013 _ S26-27

Klick fürs PDF (© Kleine Zeitung)!

Aus all diesen Überlegungen und gemeinsamen Erfahrungen heraus haben wir ein neues ENJOYMENT-Seminar kreiert, in dem es darum geht, in aufrichtigen Kontakt zu Deinen Gefühlen zu kommen und Deine Herzenswünsche zu verwirklichen: The Lover’s Journey – Zu sich und anderen finden. Suna teilt Schritte ihres persönlichen Wegs:

Als ich dem Konzept Polyamorie zum ersten Mal begegnete (vor ca. einem Jahr), fand ich es wunderschön. Ich stellte fest, dass es anscheinend Menschen gibt, die fähig sind, Beziehungen zu leben, in denen Liebe und Freiheit einander nicht ausschließen, sondern sogar bedingen. Ich fragte mich, was für Leute das wohl sein mochten; war gleichzeitig fasziniert und neugierig, neidisch und skeptisch.

Ich wunderte mich, wie jene märchenhaften Modelle im Alltag praktisch lebbar sein konnten. Zu der Zeit befand ich mich in einer „normalen“ monogamen Beziehung. Zugegebenermaßen kriselte es nach sechs Jahren zwischen uns. Ich liebte meinen Partner trotz unserer Probleme und hielt an der Beziehung fest. Ich konnte mich nicht ohne weiteres von den gesellschaftlichen Konventionen loslösen, in denen ich erzogen worden war, geschweige denn von meinen persönlichen Idealvorstellungen. Selbst im Märchen gibt es zwar Prinzessinnen, die Kröten küssen, aber gleich von zwei Prinzen zu träumen, wäre selbst für Rapunzel im Turm eine Ungehörigkeit gewesen.

Trotzdem spürte ich intuitiv, dass an der Geschichte von der Viel-Lieberei mehr dran sein muss, als ich mir eingestehen wollte. Auch wenn es zu diesem Zeitpunkt nicht zu einer praktischen Auseinandersetzung mit dieser Thematik kam, so hat mich die Idee doch nie wieder ganz losgelassen.

plakat

Jetzt, ein Jahr später, befinde ich mich in einer polyamoren Liebesbeziehung. Ich habe Menschen kennengelernt, die zum Teil seit Jahren innerhalb mehrgliedriger Beziehungsgefüge leben – und glücklich sind. Ich treffe Menschen, die ehrlich und offen ihre eigenen Gefühle wahrnehmen und nach außen kommunizieren. Menschen, die sich voller Respekt und Achtung begegnen, ohne Limitierungen oder Verzerrungen. Aber wie kann Polyamorie mehr sein als eine idealistische Illusion auf Zeit?

Ich lernte Bernhard als polyamoren Single kennen. Ich selber war monogam und vergeben. Zum zweiten Mal machte ich die deutliche und unleugbare Erfahrung, dass ich Gefühle für zwei Menschen zur selben Zeit haben konnte. Es folgten turbulente Wochen und Monate, in denen ich meine Vorstellungen von Beziehungen in zum Teil schmerzhaften Prozessen hinterfragte. Mittlerweile weiß ich, dass es weniger darum ging, mich dem Poly-Modell anzupassen, als vielmehr einzugestehen, dass ich zuvor unter Umständen gelebt hatte, die mir gar nicht entsprachen. Mich für diesen Lebensstil zu entscheiden, bedeutete für mich zuallererst einzugestehen, unter welchen (Selbst-)Beschränkungen ich geliebt hatte. Am schwierigsten war es zuzugeben, wie klein mein Begriff von Liebe war. War sie etwas, dem man sich beugte? Dem man sich verschrieb und Opfer für sie brachte? Sich sogar selbst opferte, um etwas oder jemandem zu gerecht zu werden?

Die neue Lebensweise brachte neue Betrachtungsweisen mit sich. Ich begann zu hinterfragen: Warum fühlen wir uns gerade von Menschen alleingelassen und missachtet, um deren Zuneigung und Achtung wir mit aller Inbrunst kämpfen?

Was bedeutet Liebe, wenn doch ein unbedachtes Wort oder ein fehlender Blick zwischen Partnern einen scheinbar unüberbrückbaren Abgrund erzeugen kann?

In Stunden schlafloser Nacht quälen wir uns mit den Träumen unerfüllter Sehnsüchte und doch verurteilen wir uns gleichsam dafür. Der Schmerz über die Diskrepanz von dem, was wir uns wünschen und dem, was wir Tag für Tag erleben, lässt nicht wenige abstumpfen und verzagen. Man fristet ein Dasein im Spannungsfeld von unerfüllten Vorstellungen und erfahrener Wirklichkeit. Vertraute, denen wir unsere inneren Konflikte mitteilen, mögen uns oft noch darin bestätigen. Nicht selten werden die eigenen Vorstellungen dann als „unrealistisch“, „naiv“ oder schlicht (moralisch) „falsch“ in einer Schublade abgelegt und vermeintlich abgehakt. Nach dem Motto „aus den Augen – aus dem Sinn“ widmen wir uns dem, was uns bleibt und versuchen, das Beste daraus zu machen. Doch jene alten Wünsche und Bilder wirken unbewusst weiterhin in uns. Je tiefer wir sie in uns verschlossen halten, desto stärker bestimmen sie unser (Beziehungs-)Leben aus einem blinden Fleck heraus. Auf diese Weise entstehen zutiefst destruktive Mechanismen innerhalb einer Beziehung und nicht zuletzt in einem selbst. Diese können Jahre lang, wenn nicht sogar für Jahrzehnte unbemerkt schwelen.

Suna_Auge

Hinter die Kulissen der Ängste blicken (Zeichnung © Suna Jones)

Heute weiß ich, dass Liebe zu einem anderen in erster Linie Liebe zu sich selbst bedeutet. Sie verlangt keine Selbstopfer und geht keinen Handel ein. Wenn ich mich für einen anderen verbiege, verletzte ich mich damit selbst. Und jemand, der mich wirklich liebt, würde meine Selbstverletzung niemals zulassen. Begibt man sich auf den Weg zu sich selbst, geht man gleichsam auf den anderen zu. Polyamorie ist eine Möglichkeit, diesen Weg zu beschreiten. Es geht darum, die eigenen inneren Bedürfnisse authentisch zu spüren und auszudrücken. Vor allem ist es wichtig, das eigene Innenleben nach außen kommunizieren zu können. Gerade eine Lebensweise, die tiefe emotionale sowie körperliche Verbindungen zu mehr als einem Menschen beinhaltet, kann dazu beitragen, sich der verborgenen Wünsche und Ängste bewusst zu werden. Dabei ist es wichtig, sich und dem Gegenüber zu vertrauen. Gerade das fällt oftmals schwer. Sich jemandem vollkommen zu öffnen bedeutet auch das Potenzial für Verletzungen zuzulassen.

Gleichzeitig ist es aber genau das, was ich immer wollte. Ein Begegnen auf Augenhöhe, ohne irgendwelche Restriktionen, ohne Verurteilen, Zurückhalten oder Verstecken. Ich bin glücklich über die Wahrheit, die darin liegt. Und ich versuche mutig umzugehen mit den Ängsten und Unsicherheiten, die diese L(i)ebensweise mit sich bringt.

beruehrung

Diese Liebe, von der ich hier zu sprechen versuche, ist das größte Geschenk meines Lebens. Es ist das Gefühl, „ich sein zu dürfen“ und das Erlebnis, gerade dann angenommen und gemocht zu werden, wenn ich mich angreifbar und fehlerhaft fühle. Ich habe erfahren, dass diese Geborgenheit nicht entstehen kann, wenn man sich und seine Mitmenschen in die Fessel von Konvention und Erwartung zu legen versucht. Diese Sicherheit entsteht in absoluter Offenheit. In dem Eingeständnis und Versprechen (an sich selbst), zu lieben, was ist.

In diesem Sein spielen wir ein neues Spiel: Das Vergnügen der Götter!

One comment

  1. p.kan184 · · Reply

    namaste bernhard, das nenne ich erwacht sein! ich bin selbst immer zweifelnd den esoterikern begegnet, weil es meiner meinung nach nur ein anderes gewand ist, das sie sich überstülpen, um die wahrhafte individualseele anzugleichen, wie soviele andere institutionen. ich selbst nenne mich philosophin der neuen zeit, cosmologin und lebenskünstlerin. ich bin hier, um das individuum zu wahren, daran zu erinnern, wenn es möchte, denn freiheit ist ein geschenk, das man oftmals mit wissen vernichten kann. weisheit ist mein weg und mein ziel und ich bin glücklich, wenn ich diese zeichen sehe, die du da grad ins netz stellst. wenn man frei ist, dann hat man eigentlich sein selbst und ist in liebe und da möchtezu. dies geschieht meiner meinung nach aber auch durch handlung, das denken voraussetzt. ich sende dir heute einen sternengruss und wenn es meine zeit erlaubt höre ich in die heutige sendung. alles erdenklich schöne und halte kurs, man kann nur auf gleicher augenhöhe begreifen und die dinge als göttlich erkennen, alles andere sind kompromisse. aber es steht jedem frei, sein leben so zu meistern, wie es sein momentaner bewusstseinszustand erlaubt. in la kech, sage ich als mayakundige, nicht zu verwechseln mit den verwirrspielen der manipulationskräfte, die immer wieder angst und zucker ins spiel des lebens streuen, um ihre gefolgschaft an sich zu binden. pkan184

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

*

Inspiration von Bernhard Reicher

El Mundo Fantastico

Bücher * Filme * Comics * Interviews * Artikel

C.M. Muller

S c r i v e n e r

polyversum

In diesem Blog lassen wir die Hosen runter.

simon norris artworks

Calgary based artist specializing in painting & leathersmithing

Laird Barron

Official Author Site

Gleefully Macabre

The more-or-less official Jeff Strand site.

Hurdy Gurdy Ma'am

Blog für Außenseiterkultur

MARCUS JOHANUS

THRILLER AUTOR

Thomas McSweeny

Fiction from a Fool

Haustierkommunikation

Mit dem ❤ hören.

FLASHMAN-BLOG

4 von 5 Zahnärzten empfehlen diese WordPress.com Seite

Thoughts On "S"

by J.J. Abrams and Doug Dorst

I create worlds. John E. Brito's Blog

Behind the scenes of John E. Brito's animated and live action (short) films & comics

Lovecraft eZine

A magazine featuring Weird Fiction, Cosmic horror, and the Cthulhu Mythos

XIQUAL-BLOG

... Geschichten aus dem Alltag zweier Magier...

%d bloggers like this: