Erfundene Realität

Vor einigen Tagen habe ich mit großem Interesse den Film Kumaré des US-Filmemachers Vikram Gandhi gesehen. Aufgewachsen im Spannungsfeld zwischen den traditionellen hinduistischen Werten seiner indischen Vorfahren und den aufgeklärten Sichtweisen der amerikanischen Konsumgesellschaft, konnte der sympathische junge Mann dem Glauben an Götter und Gurus nichts abgewinnen – obwohl er anerkennen mußte, daß beispielsweise seine Großmutter offensichtlich Kraft und Unterstützung aus ihren alten Ritualen schöpfte. Er ging davon aus, daß man dazu aber weder eine etablierte Religion noch einen Guru bräuchte und kam auf die Idee zu einem kontroversiellen Experiment: Er ließ sich Haare und Bart wachsen, kleidete sich in indische Gewänder und legte sich einen falschen Akzent zu … um für eine bestimmte Zeit eine vollkommen neue Identität anzunehmen – die des erleuchteten Gurus Sri Kumaré. Und er zog aus, um dem Westen seine Weisheit zu bringen!

Dazu erfand er willkürliche neue Yogatechniken, die Übung des „Blauen Lichts“ und seine ganz eigene Philosophie, den „Weg des Spiegels“ (der um die Illusion jeglicher Identität kreiste). Das ganze Experiment hielt er in seinem Dokumentarfilm fest, mit dem er den Mechanismen nachspüren wollte, die sich zwischen Meister und Schüler ergeben.

Rasch fand er Anhänger, ja sogar regelrechte „Jünger“, die glaubhaft versicherten, noch nie so eine spontane, authentische Verbindung zu einem Menschen gespürt zu haben. Sie waren sich absolut sicher, im fiktiven Guru ihren wahren Lehrer gefunden zu haben. Dabei erzählte Kumaré ihnen ständig, daß er eine Illusion sei! Und daß sie den echten Guru nur in sich selbst finden könnten.

kumare

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Was mich an dem nicht unumstrittenen Experiment jedoch am meisten faszinierte: Kumaré half den Menschen tatsächlich. Und je mehr er seine Jünger kennenlernte, um so näher kam er ihnen emotional. Was als Versuch gestartet hatte, religiösen Fanatismus zu entlarven, entwickelte sich zu einer durchaus spirituellen Erfahrung für die Beteiligten. Und als er seine Schüler schließlich zum „Tag der Enthüllung“ versammelte, an dem er seine Maske fallen lassen wollte … konnte er es nicht mehr! Seine Jünger waren ihm zu sehr ans Herz gewachsen, und ihre Fortschritte, ihr Leben in den Griff zu bekommen, waren zu offensichtlich, als daß er sie so sehr hätte enttäuschen wollen. Das Experiment hatte eine Eigendynamik entwickelt, mit der er nicht gerechnet hatte.

Er sagt selbst, daß er als Kumaré jemandem tief in die Augen sehen und ihm oder ihr mitteilen konnte: „Ich sehe solche Schönheit in dir“ – und das auch wirklich tat; wenn er dagegen als Vikram Gandhi zu jemandem auf dem Union Square hingegangen und dasselbe getan hätte, wäre er für verrückt erklärt worden. Er belog seine Schüler darüber, wer er war, doch er realisierte schnell, daß der Witz auf seine Kosten ging: Die Identität, die er annahm, war nämlich tatsächlich der Mensch, der er wünschte, sein zu können. (Klick hier für einen wirklich hervorragenden Artikel, der sich noch tiefgehender damit auseinandersetzt!)

infant-superman-costume

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Das hat mich zu einem extrem spannenden Gedankengang geführt, für die ich ihm – bei aller Fragwürdigkeit seiner Methode – sehr dankbar bin. Diese Erfahrung, die Grenze zwischen erfundener und wahrer Identität verschwimmen zu lassen, teilen ja schon mal viele Menschen: Immerhin verschleiern oder verändern wir unsere Persönlichkeit bei den meisten Online-Aktivitäten schon bis zu einem gewissen Grad (auch wenn zugegebenermaßen wenige soweit gehen würden wie er, eine völlig neue Persönlichkeit zu erschaffen und die Existenz dieser Grenze an sich in Frage zu stellen). Wir nennen z. B. ein kleines Bild, welches uns im Netz repräsentiert, ja auch tatsächlich Avatar – ein Wort aus der Hindu-Religion, das für die Persönlichkeit eines Gottes steht, wenn er auf Erden wandelt.

Seither frage ich mich, ob man die Erfahrung, die er daraus gezogen hat, nicht noch weiter ausdehnen könnte. Wäre es möglich, daß wir uns immer noch in der Singularität befinden, auf jener wunderschönen Wiese unter unserem Lieblingsbaum, und diese neue IBE (In-Body-Experience) erproben? Und von der Identifikation damit so gefesselt sind, daß wir sie kaum mehr loslassen können? Wie würden wir reagieren, wenn plötzlich jemand vor uns mit den Fingern schnippt und ruft: „He, Shiva, aufwachen! Du träumst schon wieder!“

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3 comments

  1. Wir wohl sind ständig, mehr oder weniger, am Konfabulieren. Kein Wunder, bei dem kollektiv – narrativen Erbe, seit x tausend Jahren der Menschenheit und ihrer Geschichte(n). Mensch erklärt sich, danach. Hirn, kann nicht anders, das schlimmste für den Intellekt, ist es im Chaos zu sein. Also wird dabei mit erfunden (konfabuliert), was das Zeug hält. (Beispiel: Stimmen und Worte hören im “weißen” Rauschen … und Ähnliches).

    In so einer komplexen Informationsgesellschaft, wie der unsrigen, ist bereits alle Narration von konzeptioneller Struktur, und fasst alles, ist mit allem (global) vernetzt. Es wundert eigentlich nicht, dass da ständig von und zwischen Fiktion und Realität hin und her gezippt und miteinander verbunden – verknüpft ist und wird.

    Toller Artikel, Berhnard, von dem Menschen hatte ich bisher noch nichts gehört.

    Gruß

    P.S. @ Erfinden von eigenem Yoga, Tanz, Bewegung und Co, mach(te) ich auch, ist m. E. das fruchtbarste, von der authentischen Wirkung her betrachtet.

    Ja, wir träumen wohl ….😉 so ist es! Wie sagte Gustav: “jetzt bin ich wach!” Nunja!

  2. Hey Arkis! Danke für den großartigen Kommentar! Ja, die Geschichten, die wir uns erzählen, formen unsere Realität massiv mit.

    Dieses Selbst-Erfinden magischer Techniken liebe ich auch sehr, gerade aufgrund der erstaunlichen Ergebnisse (Spares Sigillenmagie nur als Beispiel). Bei mir war / ist es das Erfinden einer eigenen Sprache (Tolkien läßt grüßen🙂 …) Alles Liebe!

  3. mostzuz · · Reply

    ggg des ist nacher erleuchtung.

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