Fallstricke des Filters

Wann immer mir jemand versichert, daß „etwas so ist“, werde ich mißtrauisch. Das klingt so, als ob der- oder diejenige Anspruch hätte auf Die Wahrheit – ein Spiel, das zweifellos nicht nur, aber auch in der spirituellen Szene sehr beliebt ist. Doch eine Wahrnehmung, die jemand zu einem bestimmten Zeitpunkt oder über eine bestimmte Zeitspanne hinweg gemacht haben mag, kann für ihn ja durchaus Berechtigung haben, sie aber im Sinn einer allgemeingültigen Erklärung zu interpretieren, halte ich zumindest für bedenklich (wenn nicht sogar für gefährlich, falls es sich nicht um Einzelpersonen, sondern um Gruppen handelt).

Letztes Jahr hat mir zum Beispiel eine Frau anvertraut, daß sie mal einen Engel gesehen hat. – Hey, ist ja schön! Wie sah er denn aus? Naja, sie lag abends im Bett und plötzlich war ein Licht zu sehen, das den Raum erhellte. Und dann? Ja, da hatte sie schon etwas Angst, aber gleichzeitig war da auch so ein Glücksgefühl. Und das könne ja nur von einem Engel kommen, nicht? Und das Licht, wie groß war es, und welche Form hatte es ungefähr? Na, wie eine Kugel, vielleicht 30 Zentimeter Durchmesser. Und bewegte sich das Licht und wie lange war es zu sehen? Nein, bewegt hat es sich nicht. Und nach kurzer Zeit verschwand es wieder. Und danach geschah auch nichts mehr … Also mit anderen Worten: Was die Gute erlebt hatte, war das Auftauchen und Verschwinden einer Lichtkugel; was sie in das Ganze hineingedeutet hatte, war die Begegnung mit einem Engel! (Abgesehen davon, daß ich persönlich eine sich zeitweilig im Zimmer materialisierende Lichtkugel für mindestens genauso spannend halte wie das Erscheinen eines Engels, nehme ich mal an, wir können von Glück reden, daß ihr nicht noch aufgetragen hatte, eine „Botschaft“ zu verbreiten.)

Bringt mich zum Schaudern: Engelkitsch

Ich finde, es gehört zum viel geforderten Verantwortungsbewußtsein jedes Einzelnen, sich der Auswirkungen dessen bewußt sein, was ich den Filter nenne: Das persönliche „Übersetzungsprogramm“, geprägt von der Biographie jedes Menschen mit all seinen individuellen Wertvorstellungen und Traumata, welches erfahrungsfremde Bereiche in verständlichen Formen und Zeichen interpretiert. Der Filter sorgt dafür, daß man die erhaltenen Informationen zunächst in den gelernten und gewohnten „irdischen“ Mustern wahrnimmt und erlebt – vor die direkte Wahrnehmung beispielsweise übersinnlicher Bereiche schiebt sich dadurch sozusagen ein eigener „Bildteppich“. Dies ist ein natürlicher, selbsttätiger Anpassungsmechanismus des Verstandes, der sich gleichzeitig als „Verfremdungsvorgang“ auswirkt, so daß etwa ein und dieselbe Entität von einem stark religiösen Menschen vielleicht als Marienerscheinung, von einem modernen Esoteriker als „Aufgestiegener Meister“ und von einem amerikanischen Ureinwohner als Vision eines Totemtieres wahrgenommen wird.

Ganz und gar kann der Filter vermutlich niemals wirklich ausgeschaltet werden. Mithin muß er also bei allen Berichten über Astralreisen, medialen Durchsagen oder mystischen Schwellenerfahrungen berücksichtigt werden. (Dieser Wirkungsmechanismus scheint nach Aussagen von Autoren wie Robert A. Monroe oder Neale Donald Walsch den Verstorbenen übrigens bis in die Jenseitsbereiche hinein zu begleiten und hat häufig genug Verwirrung und viele scheinbare Widersprüche zur Folge. Erst die zunehmende Unabhängigkeit von körpergeprägtem Bewußtsein befreit von solchen Verfremdungen und Verzerrungen.)

Wahrnehmung ist alles: So sind kleine Kinder scheinbar nicht in der Lage, in diesem Bild ein Liebespaar zu sehen, weil ihnen die Assoziation dazu fehlt. WAS sie dagegen sehen, sind die neun Delfine!

Es zählt für mich also wesentlich zur persönlichen spirituellen Reife und Selbstermächtigung, eine wahrgenommene Wirkungskraft so weit als möglich von der eigenen Reaktion auf sie unterscheiden zu können. Anstatt Pauschalisierungen lobe ich mir da den Grundsatz der Chaosmagie, daß es möglicherweise keine absoluten Wahrheiten gibt. (Man beachte das „möglicherweise“ in dieser Formulierung, da sie ohne es ja selbst schon wieder einen Absolutheitsanspruch darstellen würde!) Genau deshalb betone ich auch immer, daß ich das, was ich hier und auf Seminaren und Coachings so von mir gebe, keinesfalls als generelle Wahrheit, sondern als Inspiration verstehe. Als Inspiration und Unterstützung, Dein Selbst eigenständig zu verwirklichen.

3 comments

  1. Ah, der Bernhard hat ja einen Blog! Wußte ich noch garnicht…😀

    Den Artikel finde ich sehr gut. Differenzierungsvermögen ist das, woran es in der Grenzwissen-Szene häufig mangelt, und was zu haarsträubenden, unhinterfragten Glaubenssystemen führt. Offenbar haben viele Leute nach wie vor ein Binärdenken aus “Glauben” oder “Nicht-Glauben”, ohne jedoch weitere Faktoren wie “Gewißheiten” und “Neutralität” mit einzubeziehen (eine Superposition quasi). Da wird sich dann gerne mal über die böse linke Gehirnhälfte und die Naturwissenschaft ausgelassen, aber man selber tickt dann nach immer noch nach der mechanistisch-reduktionistischen Denkweise.

    Hier ein paar Artikel von mir, die zum Thema passen könnten:

    Glaubenssysteme: http://www.thetawaves.info/blog/?p=145
    Selbsterfahrung: http://www.thetawaves.info/blog/?p=418
    Differenzierungsvermögen: http://www.thetawaves.info/blog/?p=474
    Neutralität: http://www.thetawaves.info/blog/?p=978

  2. Danke fürs Feedback und die Links, Wingman! Ja, da sind wir uns sicher einig, wie essentiell es ist, sich selbst und seine Sichtweise immer wieder in Frage stellen zu können. Liebe Grüße!

  3. Sebastian · · Reply

    Sehr guter Artikel! Nur eine Anmerkung meinerseits.
    Da es “Etwas” gibt, was man je nach Filter wahrnimmt und verarbeitet, halte ich es im Gegensatz zur Chaostheorie für “wahrscheinlicher”, dass es eine absolute Wahrheit gibt, die man ohne Filter erkennen könnte.
    Alles Gute, Sebastian.

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