Die violette Pille

Ich weiß nicht, wie’s Euch geht, aber ich kann mich bei vielen Menschen, die sich mit dem „Erwachen“ und der „Erleuchtung“ beschäftigen, oft eines gewissen Eindrucks nicht erwehren: Sie kommen für mein Empfinden häufig recht arrogant rüber.

Da gibt es die einen, deren Lippen ein entrücktes, beseeltes Lächeln umspielt, das der Welt mitzuteilen scheint: „Ich hab’s kapiert, es ist alles nur Illusion. Ätsch! Jetzt kannst du mir nichts mehr anhaben, ich bin dir entwichen!“ Dann gibt’s die anderen, deren säuerliches Gehabe einem anderen in etwa vermitteln könnte: „Ach was, du hast’s immer noch nicht kapiert? Ich sag’s dir, es ist alles nur Illusion! Aber ich weiß eh, damit kannst du jetzt nichts anfangen, du bist noch zu gefangen darin …“

Abgesehen davon, daß ich da in beiden Fällen ein Ego zu hören vermeine, das sich für meine Ohren doch recht unerleuchtet anhört, erschließt sich mir das Argument nicht, das hier (und generell von vielen Anhängern des Neo-Advaita) gebraucht wird – nämlich daß die Welt „nur“ Illusion sei. Darin liegt eine unverhohlene Abwertung derselben: sie ist „Täuschung“, nicht „wirklich“, nicht „echt“, die „Vorspiegelung“ eines verblendeten Egos, oder gar ein „Wahnbild“, das „überwunden“ werden muß …

Okay, ja, die Welt mag Illusion sein. So what? Ein Film, ein Buch, ein Computerspiel sind auch Illusionen. Und dennoch kann ich sie wertschätzen – vielleicht gerade auch dafür, daß sie mir außergewöhnliche Erfahrungen ermöglichen. Tja, und das, was wir als Realität bezeichnen, und das wir in bestimmten Momenten oder manchmal auch dauerhaft als Illusion „durchschauen“ können, ermöglicht eben dem All-Einen (durch die Täuschung der Trennung von ihm und der Identifikation mit einem „Ich“) wirklich außergewöhnliche Erfahrungen. Ist doch cool, nicht? Insofern fühle ich aufrichtige Dankbarkeit dieser Illusion gegenüber … ähnlich wie zu meinen geliebten Büchern, Comics oder DVD-Boxen.

Ich finde es bezeichnend, daß es gerade dort, von woher wir viele Ideen und Termini für das Durchschauen der Illusion übernommen haben, auch extra eine Göttin für sie gibt: Maya gilt als die Weltenmutter, die Schöpferin des Universums, als das Universum selbst. Sie ist die Weltenweberin, die sich selbst erschafft, denn alles, was existiert, ist Maya. – Nun, dann ist sie mit gutem Recht auch Lila, der kreativ-verspielte Selbstausdruck des Absoluten, Göttlichen. In Indien gilt Lila als spontane Aktivität Brahmas, des allumfassenden Bewußtseins. Es ist keine willentliche Anstrengung. Lila bedeutet Freiheit im Gegensatz zu Notwendigkeit. Oder, wie es auch heißt: „Die Welt wird aus Freude erschaffen, durch Freude und für die Freude.“ Das Bewußtsein von Lila spielt eine große Rolle in der Verehrung Krischnas als Witzbold und Shivas als Tänzer. Eine Idee, die mir gefällt: Lila als freudvolle Umarmung aller Aspekte des Lebens!

Bekenntnis

Holder Schein, an deine Spiele
Sieh mich willig hingegeben;
Andre haben Zwecke, Ziele,
Mir genügt es schon, zu leben.

Gleichnis will mir alles scheinen,
Was mir je die Sinne rührte,
Des Unendlichen und Einen,
Das ich stets lebendig spürte.

Solche Bilderschrift zu lesen,
Wird mir stets das Leben lohnen,
Denn das Ewige, das Wesen,
Weiß ich in mir selber wohnen.

(Hermann Hesse)

Im Bewußtsein dessen, daß alles ein Spiel ist, erscheint mir mein Leben wesentlich unbeschwerter, als es aus „Erwachtenperspektive“ abschätzig als nichtige Selbsttäuschung zu betrachten – auch wenn es letztlich aufs Gleiche hinauslaufen mag. Ich benütze das Spiel, um die Erfahrung der Totalität meines Seins zu machen, der ultimativen Wirklichkeit. Nicht nur, daß ich „Spiel“ für eine schönere Formulierung als „Illusion“ halte, kann ich mir dadurch auch eher erlauben, es zu genießen. Wenn sich das All-Eine hier durch „mich“ erfährt, dann darf es gefälligst auch Spaß machen!

Wenn mich also Morpheus vor seine berühmte Wahl stellen würde, ob ich die rote oder die blaue Pille wähle,

wäre meine Antwort: „Beide!“ Rot und Blau ergibt Violett; ich bin dafür, die Welt aus dieser Perspektive heraus zu erleben – zu wissen und zu fühlen, daß ich ein göttliches Wesen bin, das sich Selbst hier in jedem Moment, an jedem Ort, in jeder Begegnung mit anderen Aspekten seiner Selbst hingebungsvoll und frei ausdrückt und erfährt.

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